Von Dionys Zink

 

Einen Menschen auszuzeichnen, mag auf mancherlei Weise gelingen. Ehrenbürger wird, wer sich um seine Gemeinde verdient gemacht hat. Wem der Staat zu besonderem Dank verpflichtet ist, dem verleiht er einen Orden. Akademische Lehrer ehrt man – zu späten Geburtstagen zumeist – mit einer Festschrift. Philosophen würdigt die Zunft durch die öffentliche Anerkennung seiner gedanklichen Meisterschaft, nicht selten freilich auch mit dem respektvollen Hinweis auf seine mehr oder weniger eindrucksvollen Irrtümer und Aporien.

Wie aber ehren Menschen einen Philosophen, dem sie – nicht „vom Fach” durchwegs – die Einführung in die Eigenart und den Reichtum des philosophischen Denkens verdanken und dem sie in Freundschaft verbunden sind? Nichts wohl erfüllt ihre Absicht besser als die Verbreitung einiger jener Gedanken des Gesprächspartners und Freundes , die meist noch unveröffentlicht oder in verschiedenen Publikationsorganen verstreut ihnen selbst Anregung und Orientierung geboten haben.

 

Am 7. August 2004 wäre Karl-Dieter Ulke siebzig Jahre alt geworden. In Breslau geboren, nimmt er zunächst das Studium der Theologie auf; erst im Abschied von ihr findet er zur Philosophie. Pädagogik ergänzt sein Studium: Seiner Promotion zum Thema „Der Mensch unter dem Gericht der Wirklichkeit – Der Habitus als anthropologische Schlüsselkategorie im Denken John Henry Newmans”, folgt die Habilitation mit dem „Agnostischen Denken im Viktorianischen England”. Ulke wird Lektor in einem renommierten Verlag. Beinahe gleichzeitig beginnt er seine Tätigkeit als „Radiomensch” beim Westdeutschen Rundfunk. In den „Zeitzeichen” wählt er anspruchsvolle Themen. So popularisiert er Kants Aufklärung, ohne indes ihren Inhalt und ihre Absicht zu minimieren. Seine fünfzehn Minuten zum Begriff der Menschenwürde, der einzigartigen „Erfindung” des jungen lombardischen Adeligen Pico aus Mirandola bleiben vielen im Gedächtnis.

Ulkes Sprache, komponiert aus sorgfältiger Wortwahl, elegant formulierten, dennoch publikumsverträglichen Sätzen, überraschenden Pointen und feinsinnigem Witz, gleicht einem Feuerwerk, gezündet zur Freude seiner Zuhörerschaft ebenso, wie zur Ehre der Philosophie. Weil ein Sprachkünstler und Philosophiebegeisterter spricht, wird selbst Schwierigstes für „Laien” verständlich. Sie danken es ihm mit höchster Aufmerksamkeit und wohlwollender Kritik: zahllos kommen die Rückmeldungen beim Sender an und viele bestätigen die außerordentliche Anregungskompetenz des „Rundfunkphilosophen”.1981 folgt Karl-Dieter Ulke einem Ruf der Katholischen Stiftungsfachhochschule nach München und wird Professor für Philosophie. Auch wenn der Umfang der Lehrverpflichtung ihn eher drückt, so stellt er sich doch der eminent wichtigen pädagogischen Aufgabe, junge Frauen und Männer zum Selbst – Denken anzuregen und sie auch dadurch auf ihren Beruf in der Sozialen Arbeit vorzubereiten. Mit philosophisch – anthropologischen Fragestellungen nimmt er teil an der Entwicklung ihres Selbst- und Fremdverständnisses im Kontext der geistigen Tradition Europas und aktueller wissenschaftlicher Diskussion. Spezifische Problemlagen der Sozialen Arbeit aufgreifend, konfrontiert er die Studierenden mit den unterschiedlichen Ansätzen der Sozialphilosophie und der Ethik und regt auch darin zu selbständigem Urteil an. Mit Geduld und freundlicher Beharrlichkeit widmet er sich der Vermittlung der in der noch jungen Sozialarbeitswissenschaft außerordentlich notwendigen erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Grundlagen.

Ein vierzehntägiges Wanderseminar in Kreta, stilistisch einem aristotelischen „Peripatos” nicht unähnlich und inhaltlich mit den Anfängen des europäischen Denkens vor Sokrates befasst, hinterlässt unter Karl-Dieter Ulkes Leitung nicht nur in philosophischer, sondern auch in zwischenmenschlicher Hinsicht bei allen daran Beteiligten einen bleibenden Eindruck. Dass nicht wenige Alumni sich an Inhalt und Stil der viele Jahre selbstverständlich von Ulke zum Abschluss ihres Studiums erbetenen Rede erinnern, ist sicherlich ein Zeichen seines Charismas ebenso, wie der Wertschätzung, für einen Professor, dem nicht zuletzt auch „seine” Hochschule eine deutliche Kontur ihres Profils im Anschluss an ihre Gründung verdankt.

 

Wann und unter welchen Umständen Karl-Dieter Ulke auf Michel de Montaigne gestoßen ist, lässt sich nicht mehr genau ausmachen. Fest steht aber, dass ihn dessen „Gelegenheitsphilosophie” mit ihren leichten, vorläufigen und spielerischen Gedankengängen fasziniert hat. Nicht zufällig wird daher der Essay zum Medium auch seiner philosophischen Mitteilung. In dieser Form bietet die vorliegende Sammlung dreizehn Texte, die vorwiegend von pädagogischem Interesse motiviert, im Zusammenhang mit seiner Lehrtätigkeit entstanden sind.

 

Philosophie für Nichtphilosophen differenziert die alte und immer wiederkehrende Frage nach dem Spezifikum jener Tätigkeit, Philosophie genannt, die nicht zu können viele Menschen behaupten. Indem der Autor zunächst das Subjekt dieser Tätigkeit identifiziert und in der dialogischen Begegnung die bevorzugte Weise ihres Erkenntnisgewinns vorstellt, gelingt es ihm, „in der Sache selbst” nicht nur das Ziel seiner eigenen, exemplarisch unternommenen Denk – Reise, sondern eben auch allgemein des Philosophierens zum Vorschein zu bringen. Die Botschaft des Textes ermutigt: jedermann kann philosophieren, wenn er sich der Aufgabe interesseloser Aufklärung und Notwendigung zu begründender Verständigung stellt.

 

Zwangsläufig trifft dann, wer philosophiert, auf den Begriff des Geistes. Ihm widmet Karl-Dieter Ulke den Essay Über Geist, den er im Windhauch des biblischen „ruach” beginnen lässt und die lange Geschichte des philosophischen Denkens hindurch bis zur Dialektik der Aufklärung Horkheimers und Adornos verfolgt. Auch wenn der in der Vernunft gebundene Menschengeist sich selbst dazu bringt, in sein Gegenteil umzuschlagen, so bleibt er doch des Menschen wichtigstes Antriebs- und Orientierungsorgan, das noch in der Versuchung sich selbst aufzugeben, den Mut und die Kraft hat, ihr zu widerstehen. Seid mutig; befragt euere Gewissheiten und macht dabei auch nicht Halt vor der Sicherheit eueres Selbsts: so lautet erneut – diesmal mit Kant – die Botschaft, die der Aufklärer Ulke seinen Hörern und Lesern zuruft. Seid mutig – aber beugt euch auch demütig vor dem Geheimnis!

 

Warum sollen wir die Wahrheit sagen? Zur Beantwortung dieser nicht zuletzt auch der Aufklärung verpflichteten Frage zieht Ulke einen Kreis, der in den abgegriffenen Alltagsbegründungen anhebt und sich über Macchiavellis Empfehlungen für den Fürsten, Kants Rigorismus und Max Webers Unterscheidung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik im platonischen Höhlengleichnis schließt. Beinahe von selbst folgen in diesem Zirkel Über die Wahrhaftigkeit die Stationen des Wahrheitsbegriffs und seiner Manipulation durch Interesse und Machtgebrauch. Deren Mechanik entdeckt der Autor in einer Unterscheidung zwischen der Tatsachen- und der Vernunftwahrheit, welche die im Alltag, in den Medien und in der Politik häufig praktizierte Umwandlung von Fakten in Meinungen zu erklären erlaubt. Mit dem Rekurs vor allem auf die seit Thomas von Aquin entstandenen Wahrheitstheorien und den daraus abgeleiteten Wahrhaftigkeitsforderungen beantwortet der Essay die Eingangsfrage schließlich mit einer dreifachen Begründung.

 

Ein kurzer Aufsatz, Gott – nichts als ein Stein, erstmals erschienen in der „Orientierung” (Jg.47, 2/1983) fügt sich in die Tradition der „Negativen Theologie”. In die Abfolge der vorliegenden Textsammlung ragt er ähnlich einem erratischen Block.Vom Erlebnis eines nächtlichen Aufstiegs zum Mosesberg auf der Halbinsel Sinai beeindruckt – und wohl auch in Erinnerung an seine Studien zum agnostischen Denken – beschreibt der Autor die Abstraktion Gottes von allen menschlichen Vorstellungen, Denkfiguren und Interessen. Nichts mehr bleibt nach solchem Rigorismus. Doch genau an diesem Punkt drängt sich die aktuelle Erfahrung ins Denken des Bergsteigers. Ein Bild (!) entsteht, das karge Bild eines Steins, der untätig, ohne Empfindung und keinerlei Zwecken unterworfen im bloßen Dasein währt. Simone Weils Empfehlung, nach der Wahrheit auch des Gegenteils zu suchen, beendet die Aufmerksamkeit des wohl nur methodisch Distanzierten für Gott.

 

Im Anschluss an diese Anregung zur Meditation unvermittelt konfrontiert die Textsammlung ihre Leserinnen und Leser mit drei kultur- und sozialphilosophischen Kritiken Ulkes, die bestimmte Signaturen der Moderne aufs Korn nehmen: die entfremdende Arbeit, die Jagd nach dem Erfolg und die Universalmacht des Geldes. Alle drei Aufsätze hat der Autor in der Zeitschrift „PflegeImpuls” (1 – 3/2002) veröffentlicht.

 

Arbeit und Identität steckt zunächst die Horizonte der beiden Begriffe ab, ehe vor allem die Reflexionsgeschichte über die menschliche Tätigkeit zu Wort kommt. In sorgfältiger Unterscheidung zwischen der humanisierenden Potenz der Arbeit und der Möglichkeit ihres Missbrauchs durch Bedingungen, die den Arbeitenden zum Objekt erniedrigen, in Abgrenzung aber auch der von der Freiheit motivierten Muße von der einem Zwang unterworfenen Faulheit, erreicht der Gedankengang schließlich eine kriteriologische Grundlage, die es erlaubt, Inhalt, Form und Maß einer unserer Identität zuträglichen Arbeit zu finden und zu wahren.

 

Im Rückbezug auf einschlägige Quellen knapper bleibt der Aufsatz Erfolg hat viele Gesichter. Mit Dürrenmatts „Romulus der Große” gibt er zunächst eine Probe der Relativität des Erfolgs, den die meisten Menschen als konsequenten Lohn durchdachter Planung, rationellen Mitteleinsatzes und emsiger Anstrengung erwarten. Um die lange Konjunktur der modernen Erfolgsfixierung auszuweisen, kehrt der Autor erneut zu Pico della Mirandolas Zentrierung des Menschen inmitten der Welt zurück, deren künstlerisches, politisches und ökonomisches Äquivalent die zeitgleiche Entdeckung der Perspektive ist. Der Glaube  an die Machbarkeit des Erfolgs zieht seitdem immer weitere Kreise und umschließt in der Moderne sogar noch jene Lebensbereiche des Menschen, die sich erfahrungsgemäß (!) der Machbarkeit prinzipiell entziehen. Mit einem Exkurs in den Utilitarismus Jeremy Benthams führt die Argumentation sodann ein Glücksverständnis ein, das mit seinem Nützlichkeitskriterium noch ganz zum Erfolgsstreben passt. Je weiter freilich der Gedankengang – über Kants Auszeichnung der moralischen Handlung durch die Pflicht und Freuds Lustprinzip – fortschreitet, desto deutlicher tritt die Unverfügbarkeit des Schicksals in den Vordergrund, das Erfolg und Versagen, Glück und Pech eben zufällig für uns bereithält. Erfolg wird damit zu einem Ereignis, dessen Aktuellwerden wir allenfalls durch ein Arrangieren von Ermöglichungsbedingungen fördern können. Glück dagegen erreicht uns ohne unser Zutun. In solchem Wissen bedarf unser Streben nach Erfolg also der Korrektur und Ergänzung durch die geduldige Aufmerksamkeit für eben dies: die Ankunft des Unverfügbaren, in dem auch das Glück seine Wohnung hat.

 

„Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt”, das sagt der Volksmund. Über Geld zu sprechen und gar noch darüber zu philosophieren, provoziert unter Intellektuellen nicht selten ein gewisses Naserümpfen. Die Abhandlung Geld, Geld, Geld unternimmt es dennoch, die Gründe der Tabuierung dieses ehemals bloßen Tauschmitels wenigstens zu skizzieren. Schon der Titel gleicht jener dreifachen Anrufung, die in vielen Religionen sonst der Gottheit gilt. Der Untertitel, „Vom Tauschmittel zum höchsten Gut”, bestätigt denn auch sogleich die Assoziation und gibt zudem den Gang der nachfolgenden Aufklärung vor. Deren Kern referiert in gebotener Kürze Marx’ Geldtheorie, die am Modell Feuerbach’scher Religionsphilosophie entwickelt, im Geld den sichtbaren Gott erkennt. Universell in dem Sinne, dass dieser Gott alle Lebensbereiche des Menschen zu besetzen vermag, wirkt er zudem auch allmächtig in seiner Herrschaft. Selbst noch unsere Sprache – und damit uns selbst – zu verhexen, gelingt dieser Gottheit. Sie beraubt dieWorte ihres Inhalts und liefert sie als leere Hülsen, nichtssagende Floskeln und unverbindliche Gemeinplätze einem Markt zu, der sie dann als „Talkware“ zum Kauf anbietet. Ulke dokumentiert diesen Handel an der „Edelvokabel ‚Ausgewogenheit’“. Ist der im Vergleich mit bisheriger Erörterungen auffällige Verzicht des Autors auf eine Schlussempfehlung, ein Indiz dafür, dass auch er vor der weltweiten Vergötterung des Tauschmittels resigniert hat?

 

Auf den Tausch stößt auch der nachfolgende kleine Aufsatz Vom Schenken. Ansetzend im Alltagsverständnis dieses Beziehungsgeschehens, mit seiner Ambivalenz der partnerschaftlichen Gabe und Gegengabe, ihres Nutzens und Luxus’ sowie ihres Erwartungs- und Überraschungsmoments, greift der Autor ausnahmsweise zur Etymologie des Wortes und trifft dabei auf die Liebe. Fehlt sie, wird das Schenken zum berechnenden Tausch, zur Herrschaftsgeste eines „Gnädigen” oder zum lästigen Alibi eines schlechten Gewissens. Die Bedingung der wechselseitigen Bejahung des Geschenks in der Hingabe und Annahme belegt der Text mit einer Reihe heiterer literarischer Zeugnisse – unter denen die Geschichte vom Zusammentreffen der Liebe und der Freiheit vor der Himmelspforte gewiss die zum Nachdenken anregendste ist.

 

In die „Werkstatt” des Hochschullehrers Ulke führt die Ethik des Helfens. Seine studentischen Hörerinnen und Hörer in ihren eigenen Erfahrungen abzuholen, beginnt der zunächst als Vortrag konzipierte Text mit zwei exemplarischen Geschichten. Diese berichten zum einen von der Geringschätzung eines Helfers durch den Hilfsbedürftigen, zum anderen von der Möglichkeit der Abstumpfung gegen ein Zuviel an Not. Einer Erläuterung des Begriffs und des Auftrags der Ethik folgt die Unterscheidung zwischen ihrer deskriptiven und normativen Variante. Dabei lässt der Autor keinen Zweifel daran, dass er selbst letztere deshalb favorisiert, weil sie in der Freiheit des Menschen ihren Ansatz und ihr Ziel findet. Obgleich einer solchen Entscheidung notwendigerwiese eine Letztbegründung fehlt, so bringt sie doch das Motiv jeder Hilfe zum Ausdruck: die Würde des Einzelnen und seine reziproke Beziehung zum Mitmenschen. Die Differenzierung dieser Hilfe in eine institutionelle und spontane und der Verweis auf die Notwendigkeit ihrer gegenseitigen Ergänzung im Interesse des Lebensglücks und des Heils dessen, dem sie gilt, rundet das „Lehrstück” ab.

 

Auch der Text Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann, („PflegeImpuls” Nr.3 Jg.2001) dient eher der Unterrichtung. Freimütig gesteht Ulke, den Titel von Heinrich Böll „gestohlen” zu haben. Um die Trennunschärfe der Begriffe „Macht” und „Gewalt” aufzulösen, bedient sich der Autor entsprechender Theorien von Hannah Arendt und Simone Weil und bestimmt im Anschuss an beide die Gewalt durch ihren Werkzeugcharakter, die Macht jedoch durch ihr Entstehen in der Delegation von Wünschen und Interessen auf Erfüllungsversprecher. Mit Thomas Hobbes’ Staatstheorie und Montesquieus Konzeption der Gewaltenteilung erinnert der Verfasser an zwei Modelle solcher Delegation, deren eines vor allem die Sicherheit vor fremdem Zugriff, deren anderes jedoch die Freiheit vor staatlicher Übermacht in den Vordergrund stellt. Entfaltet in der Gewissheit über das den Menschen Bekömmliche und im damit einhergehenden autoritären Gehorsamsanspruch ist es die missverstandene Sicherheit, die jedem Extremismus zugrunde liegt. Fremde Ansprüche vor der Instanz der der Freiheit verpflichteten Vernunft zu überprüfen und zugleich die immer im eigenen Innern sich meldenden Unterwerfungswünsche aufzuklären und zu zähmen, gebietet uns die Achtung vor uns selbst, die wir ja nicht nur als Opfer, sondern eben auch als Täter unfrei werden.

 

Mit einer Glosse kehrt die Textsammlung zum philosophischen Eigeninteresse Ulkes zurück. Die perspektivische Hinrichtung („Orientierung”, Jg.47, 17/1983) attackiert jene selbst unter sogenannten Gebildeten gebräuchlichen Gemeinplätze, die Flaubert, wäre er unser Zeitgenosse, sicherlich in seine berühmte Auswahl aufnähme: alles ist relativ und subjektiv, eine Frage des Standpunkts und der ihm zugehörigen Perspektive. Die Wurzeln dieser Phrasenkonjunktur findet Ulke wiederum in der Renaissance, der Quellzeit der Perspektive in der Kunst, der Philosophie, der Seefahrt und der Politik. Deshalb trifft die Leserin, der Leser auch auf zum Teil schon alte Bekannte und bekannte Tatsachen: die Projektion nautischer Ziele ins Unbekannte durch die Kapitäne Spaniens und Portugals, den päpstlichen Blickwinkel Alexander VI. bei der Aufteilung der transatlantischen Welt, den von Pico della Mirandola gedachten göttlichen Auftrag an den Menschen zum Entwurf und zur Verwirklichung seiner selbst inmitten der Welt und auf den von Macchiavelli dem Fürsten zugesprochenen gehobenen Standpunkt, der zum Weit- und Überblick im Gebrauch der Macht- und Gewaltpotentiale befähigt. In die Gegenwart überführt, hat, so Ulke, das durch allerlei Einflüsse entgrenzte perspektivische Denken sich der ganzen Welt bemächtigt und sie mit einem undurchdringlichen Geflecht von Korrelationen und Kreuzungspunkten überzogen. Gleich einem Schnittmusterbogen lässt die so Gezeichnete ihre Tatsachen kaum mehr erkennen, sodass dem Betrachter nur mehr Wirrnis entgegenkommt. „Aber das macht nichts. Denn alles ist (ja) relativ”. Unübersehbar bissig kommentiert der Philosoph das spätmoderne Gedankentohuwabohu.

 

Von der Ironie zur eher meditativen Interpretation der Tätigkeit des Gehens im Essay Über das Gehen ist es ein weiter Schritt. Schon diese Feststellung setzt uns ins richtige Bild. Wie viele Assoziationen verknüpfen wir doch mit der menschlichen Primärbewegung der Füße? Aufbruch und Abschied, Rast, Ankunft und Heimat, die Wanderung der Sinne und Gedanken, der Weg unserer Worte zu einem Mitmenschen ... Beinahe unerschöpflich sind die Vorstellungen, die das Gehen in  uns hervorruft. Nicht nur in unserer individuellen Geschichte gehört es zu den elementaren Aufgaben. Anhand einer Vielzahl von Gehparabeln und Wanderberichten, die in der Bibel und in der Philosophie der Griechen ihren Anfang nimmt und bis zu Nietzsche fortschreitet, macht Ulke auf drei Fußgängererfahrungen aufmerksam, die eindrücklicher auf keine andere Weise zu machen sind: die Wahrnehmung des eigenen Leibs in seiner Ganzheit, den elementaren Auftritt auf der Bühne der an sich gleichgültigen Welt und das Risiko der Begegnung mit einem Anderen auf dem selben Weg. Jede dieser Erfahrungen birgt die Chance zum Glück und die Gefahr des Misslingens und niemand kommt nach langer Wanderschaft als der zurück, der ausgezogen ist. Heimgekehrt nach vielen Wanderungen in offenem und unübersichtlichen Gelände weiß Ulke auch davon authentisch zu berichten.

 

Ein nachdenklicher Text rundet die Sammlung ab: Zwischen Augenblick und Ewigkeit – was ist das eigentlich: die Zeit? (Veröffentlicht in „nahe sein, loslassen” Hg. J.Kuric, J.Raischl, Herder-Verlag Freiburg 2003) Inspiriert von Jeanne Hersch’s Verständnis der Gegenwart als konkrete Verabredung des Menschen mit der Wirklichkeit, und im Anschluss an Schopenhauers „Unterschied der Lebensalter” sowie an Marx’ Konzept der Selbstverwirklichung entwickelt auch dieser letzte Essay drei Thesen zur Deutung der Zeit. Mit unserem Leben anwesend in einer Zeitspanne, die uns nicht auszusuchen gestattet war, währt unser Dasein zwischen erster Ankunft und letztem Abschied und macht dadurch – erstens – unsere Endlichkeit deutlich. Zugleich verweist – zweitens – die Lebenszeit darauf, dass wir selbst vom Bezug auf Gegensätze bestimmt sind: dem Abschied entspricht das Ankommen, dem Leid die Freude, der Erinnerung die Sehnsucht. Und drittens ist die Zeit der Ermöglichungsgrund aller unserer Verhältnisse, die in der Begegnung mit uns selbst, mit dem Mitmenschen und der Welt, sowie mit dem nicht gleich mit Gott zu identifizierenden „Ganz Anderen” (Levinas) wirklich werden. Nicht von Ewigkeit zu Ewigkeit freilich, von „Gegenwart zu Gegenwart” nur existieren wir und Trennung gehört deshalb auch zu unserem Schicksal: Angesichts dieser Wahrheit qualifizieren Gelassenheit und Heiterkeit die Haltung des Philosophen zur Zeit.

 

Für die Anregung zu solcher Haltung mit dreizehn Kapiteln aus dem Nachlass Karl-Dieter Ulkes gebührt Angelika Probst-Ulke Anerkennung und Dank.

 

Dionys Zink

 

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